Pflanzenmusik || Electronics with Plants

Art does not change the world; art is training for the brain.

Monolog mit einer Pflanze

von Heinz-Erich Gödecke

Small electrodes are fixed at the leaves.
An electric connection to the surface of the leaf is created.
The electrodes are plugged into a sensitive measuring amplifier.
During the measurement, obviously delicate, absolute irregular tension variations occur, which can be visualized by a voltmeter.

The processes, which take place, are unknown to a great extent.
According to my experiences, electric tensions, created by electrostatic charge, diminish.

The signals, gained in such a way, can be used for controlling / regulation, f.e. to modify the frequence of a sound-generator accordingly. Only by using loudspeakers, these sounds can be made audible.

A permanent, chirping glissando can be heard, which can be used as random, electronic phonogramm for improvisatory music.

Combinatorics

Art of the 20th centry had an analytic, abstract, elementary character. The elements became visible: color, material, point-line-space, volume. The special character of the elements gets better attention. Presentation is explored to the limits. Now the map of possibilities is discovered, exhaustion is standard in a more and more multilayered world. In contrary, the discoveries must be used. By subtil combining of elements and material an essential multitude is created. Elements are set into relation. Objects are near and far in perception, on formal and associative layers of parameters. Objects present their character in a mutual relation, between that, space open for phantasy, grows. Perception sharpens, the Other gets discovered. Existing methods of collage, breaking, alienation (Verfremdung) and deconstruction relate to the existing, either to criticize or to enable reflexion, an analytic process. Combination on the other hand is of synthetic character. The Supreme exists between the elements. The Significant is to be found in the indicated relations and in the „new things“. By pondering on the differences, the necessary integration of actual and future diversity becomes realized.

HE Gödecke - Pflanzenmusik

„uncertain places“

The world and ourself – at last an enigma for us. It is necessary to rely in the Unknown. To persist on the known = illusion. To start from Perception. To combine objects and material, which do not belong together, to set them into relation. The peculiarity of materials is perceived anew, in a different way. Unknown perception enriches. Not to create paintings, no objects, but precise indefiniteness, to create uncertain places. Incomprehensive, by necessity. Example: Areas of color, stones, agitated water: elements in hidden dialogue. To combine plants with electronics: let them function mutually, without rules, undetermined; insisting stubbornly on their own response, they do not fit into understanding, they keep their ego in our perception.

The undefined Ego of natural matter – Das Unbestimmte Ego der natürlichen Materie acryl on canvas (4,1m x 2,3 m), plants, electronics, loudspeaker, water, stones, iron, cd-player

Concert History

ca.1985 Kunstverein Heidelberg
ca.1985 Stadtgalerie Saarbrücken
1986 Galerie Zain, Einzelausstellung, Bremen
1989 „Der gute Ton zum schönen Bild“ Kunsthaus Hamburg
1996 Konzert mit Pflanzen, Moskau, Festival „Alternativa“, Dom
2007 „What we hear, what looks at us. Visual Acoustics.„, im National Center of Contemporary Arts, Moscow, eine Ausstellung im Rahmen der Second Moscow Biennale of Contemporary Art, Moscow (siehe nebenstehendes Video)
2014 „Materie“ Solokonzert, Christianskirche Hamburg

Ich gebe Pflanzenkonzerte

Ein Bekenntnis in der deutschen Wochenzeitung DIE ZEIT aus dem August 2006:

Unser Autor, Ingenieur und Posaunist, bemerkt eines Tages: Farnkraut rockt. Er übt ein wenig mit ihm, dann gehen sie zusammen auf die Bühne. Bald füllt das Duo aus Fauna und Flora Säle von Bremen bis Moskau. – Erfahrungen aus dem tönenden Alltag

Von Heinz-Erich Gödecke

 

Es soll einmal einen Kriminalbeamten in Amerika gegeben haben, der seinen Lügendetektor an Pflanzen anschloss. Was auch immer sein Motiv gewesen sein mochte: Das Grün zeigte Reaktionen. So steht es in dem Buch Das geheime Leben der Pflanzen..

Es stand auch mal in der taz, amerikanische Künstlerinnen hätten ihren Garten verkabelt, um ihn musikalisch auszuhorchen. Durch solche Berichte wurde ich neugierig. Ein Freund von mir, Künstler, trieb mich an: Ich sei doch Ingenieur…

Also nahm ich ein hochempfindliches Instrument, befestigte die Messfühler an den Blättern eines Rosenstockes vor dem Haus, sah auf den Zeiger und – es zuckte und zappelte! Auf der Blattoberfläche musste es Spannungsschwankungen geben. Ich baute feinere Verstärker. Die gemessenen Werte leitete ich auf einen Schreiber, um die Impulsverläufe sichtbar zu machen. Das Eigenartige war: Verschiedene Pflanzen erzeugten ihre jeweils eigene Struktur, Farnkraut sehr abwechslungsreiche Muster, Philodendron sehr ruhige. Im Groben waren sie charakteristisch, im Kleinen eher zufällig. Mein Suchen und Versuchen zog sich hin. Der Effekt blieb rätselhaft.

Die gemessenen Spannungsschwankungen nutzte ich dann ganz praktisch: zur Steuerung eines Tongenerators oder später auch eines analogen Synthesizers. So kam es zum Auf und Ab eines Klanges, das den spontanen Spannungsschwankungen auf der Blattoberfläche entsprach. Diese biologisch-technische Anordnung holte ich auf die Bühne. Ich begann mit Pflanzenkonzerten. Ein Farn tönte, ich blies auf der Posaune dazu. Zeitungen berichteten von diesen Auftritten, auch die taz, die bei der Gelegenheit zugab, den Artikel, den ich einst gelesen hatte, frei erfunden zu haben.

Oft genug überraschten mich die Pflanzen. Sie verhielten sich undurchschaubar: Zufallsereignisse, teilweise strukturiert, verschiedene Ergebnisse an verschiedenen Orten, über die Zeit nicht konstant. Die Messungen bewegten sich im Bereich feinster Ströme, Nano-Ampere. Im Wald mit batteriegespeister Messanordnung zeigte sich gar keine Wirkung. Zweifel kamen auf: Alles nur Messfehler? Luftzug oder bewegte Kunststoff-Folien in der Nähe der Pflanze riefen deutliche Effekte hervor, wieder mit artspezifischen Unterschieden.

Als Ingenieur trieb mich die Neugierde, diese merkwürdigen Effekte zu verstehen. Als Musiker reizte mich die Arbeit mit Unverstandenem. Ich musste eine Form der Improvisation finden, erfinden, die mit der Pflanzenelektronik vereinbar war. Das Interesse an meinen Auftritten war groß. Ich spielte in Bremen, Hamburg, Karlsruhe, Heidelberg, Saarbrücken und sogar in Moskau.

Zwei Welten trafen hier aufeinander. Die schöne, irgendwie lebendige Natur einerseits, die kühle, unbelebte Elektrotechnik andererseits. Zwei grundverschiedene Naturbegriffe, die „Über allen Wipfeln ist Ruh“-Natur und die Naturwissenschaft. Und dann noch die Musik. Ich hätte es anfangs nicht gedacht, aber es funktionierte irgendwie.

Das Publikum reagierte aufmerksam, verwundert, erstaunt, neigte aber zu schnellen Erklärungen: Ob denn Pflanzen eine Seele haben? – Ich zweifelte: Was ist Seele überhaupt? – Nein, nein, die Pflanze hat gerade mit dir gesprochen, du wirst es noch begreifen, sagte mir eine junge Frau.

Ich wollte Aufklärung, einige Leute unbedingt Re-Mystifizierung. So bin ich mit dem Projekt noch nicht zufrieden. Ich arbeite dran, schon länger, es dauert noch.

Die vielen Experimente haben über die Jahre etwas Klarheit in die physikalischen Abläufe gebracht: Ionen in der Luft, durch Reibungselektrizität mit Kunststoffen entstanden, regnen auf die Pflanzenblätter nieder, Spannungspotentiale entstehen und bauen sich in Zufallsereignissen auf der Blattoberfläche ab. Diese sehr kleinen Ströme lassen sich dann messen. Mit diesem Modell sind die Erfahrungen ganz gut zu erklären. So entstand immerhin ein wenig Betriebssicherheit.

Warum Pflanzen diese Effekte zeigen, Putzlappen aber nicht, das bleibt noch ein schönes Rätsel.